1. April in ZürichKein Showroom auf dem Schlachthofareal – aber ein paar Aprilscherz-Opfer
Der Schlachthof wird zwar ab 2026 umgenutzt, allerdings ohne fragwürdiges Kinderprogramm. Ein paar Interessierte wollten dennoch an der erfundenen Podiumsdiskussion teilnehmen.

- Diese Redaktion täuschte mit einem fiktiven Schlacht-Showroom für Schulkinder viele Leserinnen und Leser.
- Stadtrat Andreas Hauri (GLP) unterstützte den Aprilscherz und plädiert für massvollen Fleischkonsum.
- Sieben Personen erschienen vergeblich zur angekündigten Begehung des Schlachthofareals.
- Die Kommentare reichen von Zustimmung bis Empörung.
Es stimmt zwar, dass der Schlachthof beim Stadion Letzigrund 2026 auszieht. Es stimmt auch, dass derzeit Anwohnende und Interessengruppen eine Umnutzung des Areals planen. Ebenso richtig ist, dass dort eine «urbane Lebensmittelproduktion» geplant ist. Doch ein Showroom für Schulkinder, in dem zu pädagogischen Zwecken geschlachtet wird, wird mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit nicht umgesetzt auf dem Gelände. Beim entsprechenden Bericht dieser Redaktion handelt es sich um einen 1.-April-Scherz.
Stadtrat Andreas Hauri (GLP) war darüber informiert und hat sich einverstanden erklärt, die Statements im erfundenen Artikel abzugeben. Nicht erfunden ist Hauris Engagement für einen «massvollen Fleischkonsum». In einem Interview empfiehlt er, lediglich zwei- bis dreimal in der Woche Fleisch zu konsumieren.
Auch SVP-Politiker und Kunsthochschule involviert
In die gegensätzliche Richtung argumentierte der SVP-Gemeinderat Reto Brüesch. Auch er war mit dem Scherz einverstanden und kritisierte die Bevormundung durch die Stadtregierung. Zum Gag beigetragen hat er auch mit der Aussage, dass die Zürcher Bevölkerung ein Recht darauf habe, beim Verzehr von Bratwurst und Zürcher Geschnetzeltem die Hintergründe der Fleischproduktion nicht zu kennen.
Schliesslich war auch die Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) über den Scherz informiert. Die Mediensprecherin der ZHDK verweist auf Anfrage auf Studierendenprojekte, die dem von dieser Redaktion vorgeschlagenen Schlacht-Showroom tatsächlich ähnlich sind: Beispielsweise Gabriel Grosclaudes fiktiver Kurzfilm «Lux Carne». Der Plot: Ein strenges Prüfungsverfahren reguliert den Fleischkonsum der Bevölkerung – wer Fleisch essen will, muss dafür ein Tier töten.

Dem Aufruf zum Podiumsgespräch mit Stadtrat Andreas Hauri und der Begehung des Schlachtraums, die für Dienstagmorgen um 10 Uhr auf dem Schlachthofgelände angekündigt waren, folgten immerhin sechs Personen (und ein Baby). Die vergebens präsenten Gäste bekamen als Trostgeschenk Tagi-Socken.
Extra aus Winterthur angereist
Aus Winterthur angereist war Daniel Kessler. Er hatte sogar einen Termin abgesagt, um nach zu Zürich kommen. Seine Frau habe ihn dazu animiert, sagt Kessler. «Sie ist zurzeit in Südafrika, hat mir den Link des Artikels weitergeschickt und meinte, die Podiumsdiskussion wäre was für mich.» Er hätte sich dafür starkgemacht, «dass Kinder sanft an einen Schlachtvorgang herangeführt werden». Er selbst habe als junger Mann unvorbereitet die Schlachtung einer Sau mitverfolgt.
Andere Aprilscherz-Opfer hatten eine weniger weite Anreise. So tauchten mehrere Personen aus dem Quartier auf. Stefanie Sixt zum Beispiel. Die ehemalige Architektin engagiert sich für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung und ist im «Anwohner:innenverein Zürich Hard-West». Dieser setzt sich ein für das Projekt «Freiraum Schlachthof». Mit anderen kämpft sie für einen «maximalen Frei- und Grünraum» auf dem künftig neu bespielbaren Areal. Der Schlacht-Showroom als Idee sei eine «zwiespältige Angelegenheit», meint sie. «Es ist ja noch cool, dass sichtbar gemacht wird, wie Fleisch verarbeitet wird. Dass sich das Angebot an Primarschulkinder richtet, finde ich aber zu krass.»
Vom Bucheggplatz kamen Emma Linden und Lowis Gujer mit ihrem Baby. Der Architekt Gujer hat sich eingehend mit dem Schlachthofareal beschäftigt. Auf der Website der Architekturzeitschrift «Hochparterre» ist die Diplomarbeit des ETH-Abgängers einsehbar, die im November 2023 publiziert wurde. Wie im Aprilscherz-Artikel dargelegt, schlägt Gujer vor, die Geschichte des Ortes und die Entwicklung des Schlachtprozesses zu beleuchten und die Fleischproduktion und ihren Ablauf erlebbar zu machen. Kein Wunder, lockte ihn die Tatsache, dass sein Ansatz nun «Realität» wird, auf den Schlachthof. Diese Redaktion hatte vorher keine Kenntnis von Gujers Arbeit.
Rege Kommentare von bekräftigend bis ablehnend
In den Kommentarspalten löste die Idee unterschiedliche Reaktionen aus. Gegen Mittag kamen über 80 Beiträge beisammen, die sich grob in drei Gruppen einteilen liessen. So begrüssten viele Leserinnen und Leser den Schlacht-Showroom. «Die Kinder sollen ruhig wissen, wie gemetzget wird. Schliesslich lieben sie ja ihre Chicken Nuggets und Hamburger», schrieb jemand. Die andere Gruppe lehnte das Projekt klar ab: «Die Idee, Tieren beim Sterben zuzuschauen, empfinde ich als respektlos, pervers und voyeuristisch. Was kommt als Nächstes? Ein Showroom im Altersheim? Oder im Krematorium?»
Die dritte Gruppe verstand den Scherz und drehte ihn weiter. Ein Leser schrieb: «Dem Prospekt von diesem stadtzürcherischen Angebot entnehme ich übrigens, dass die Schulkinder ein Milchkesseli mitnehmen sollen, um das Blut der angestochenen Sau aufzufangen.»
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