Willkommen auf der Reeperbahn
Mitten in Winterthur fertigt der Seiler Martin Benz Seile wie anno dazumal: Mit alten Maschinen und viel Knowhow für Spezialanfertigungen.
Die Seilerei von Martin Benz betritt man am besten ohne Anklopfen. Denn ob Benz den Neuankömmling in seiner hundert Meter langen Werkstatt hört, ist nicht sicher. Der Seiler erzielt ein Laufpensum von mehreren Kilometern am Tag. Je nach Region heisst die lange Werkstatt Seilerbahn oder Reeperbahn, benannt nach dem norddeutschen Wort Reep für Seil.
Etabliert hat sich der Begriff auch hierzulande bei den Bergsteigern mit ihren Reepschnüren.Bis ein Seil gedreht wird, leistet Seilermeister Martin Benz viel Vorarbeit. Was er geliefert bekommt, sind Spulen mit kilometerlangen Fäden. Bereits über dem Eingang der Seilerei hängen Gestelle, an denen Benz solche Fadenspulen bereit machen kann. Aus den Fäden entstehen so genannte Fache. Das sind Fadenbündel aus je zehn bis zwanzig Fäden. Sie sind noch nicht gedreht, aber gruppiert. Die Fachen werden gedreht zu Litzen und erst damit beginnt Benz die eigentliche Fertigung der Seile, dem so genannten «Seile schlagen».
Einzigartige Seilerei
Bis zu 75 Meter lange Seile von der Rolle verkauft Benz im Werkstattladen als Meterware. Die meisten Produkte aber entstehen auf Anfrage. «Seilereien gibt es noch ein paar in der Schweiz, aber so traditionell wie bei uns wird sonst nicht mehr gefertigt», erzählt Benz. «Das macht diese Seilerei so einzigartig.» Um Kleinmengen oder Sonderanfertigungen kümmern sich andere Seilereien nicht. Und so entwickelte sich Benz' Betrieb in den letzten Jahren zur Anlaufstelle für Seilprodukte, die im Baumarkt nicht zu finden sind.
Benz beliefert ganz unterschiedliche Kunden. Er zeigt auf ein Gestell mit zahlreichen Rollen, bestückt mit schwarzen Baumwollfäden. «Ich fange morgen mit Litzen für ein Trapez an», erzählt er. «Artisten fragen oft an, weil es vieles, das sie brauchen, in keinem Katalog gibt.» Auch Zauberseile gehören zum Repertoire und auch die Künstler von «Karls Kühne Gassenschau» rüstet Benz regelmässig mit Seilen aus. Kinder toben auf Spielplätzen an Seilen oder Netzen aus der Winterthurer Seilerei. Aktuell entwickelt Benz spezielle Sattelgurte mit Formen, die teils gedreht, teils geflochten sind. Reiter kennen seine Heunetze. «Die Netze kaufe ich ein und konfektioniere sie in die richtigen Abmasse», erklärt Benz.
Seile aus Naturgarnen
Dank seines Knowhows ist Benz auch der Ansprechpartner für alle, die eine historische Ausstattung benötigen. Es kommen Rollenspieler, die ihre Kostüme verfeinern, aber auch Historiker oder Requisiteure. Bei Nachbildungen müssen auch die Materialien stimmen. «Typische Seilereien benutzen zu 80 Prozent Kunststoff und zu 20 Prozent Naturfasern. Bei mir ist es gerade umgekehrt», erklärt Benz. Er arbeitet mit Baumwolle, Sisal, Jute, Hanf, Flachs, Kokos oder Bananenfasern. Spezialisierte Garnhändler liefern, was der Verwendungszweck erfordert.
Benz fertigt Zündlunten für Vorderlader (historische Feuerwaffen) oder gar Sehnen für Armbrüste. Für die Sehnen tüftelte er eine Weile, bis die Eigenschaften so waren, wie sie sein sollten. Heute ist Benz der einzige, der diese Sehnen noch liefern kann.
Knüpftechnik aus Winterthur in der Luft
Auf ihn kommen auch Firmen zu, die ihr Corporate Design konsequent umsetzen: Für ein Unternehmen fertigt Benz Fäden in der Firmenfarbe, damit sie zu den Preisschildern passen. Strickleitern für Silos stammen genauso von ihm wie handgeknüpfte Prototypen für die Drohnenabwehr. «Das sind so wenig Stücke, dass sich keine andere Firma darum kümmert», sagt Benz. «Die Fangnetze decken etwa 35 Quadratmeter Fläche ab. Wir knüpfen dazu 0,6 Millimeter dicke Polyesterfäden zu einem Netz mit nur 13 Gramm Gewicht.»
Selbst in einigen Flugzeugen fliegt Knüpftechnik aus Winterthur mit: Um die Businessclass auf Langstreckenflügen nachts abzutrennen, fertigte der Seiler massgenaue Kordeln, die im Gang gespannt werden. Nachtleuchtend obendrein, damit sie im abgedunkelten Flugzeug sichtbar bleiben.
Lehrling mit 28
Martin Benz ist gelernter Zimmermann und kam durch Zufall zu seinem heutigen Beruf. Seine Frau benötigte ein speziell angefertigtes Seil – so lernte Benz die Seilerei Kislig kennen. Der frühere Inhaber Albert Kislig war damals bereits über 70 Jahre alt und plante mit der Rente auch die Schliessung der Seilerei. Doch Benz überzeugte ihn, nochmals einen Lehrling anzunehmen. «Ich hatte einfach Glück», sagt er heute. «Kislig nahm mich tatsächlich auf und einige Jahre später konnte ich die Firma übernehmen.» Mit 28 Jahren begann er die Lehre, seit 2003 ist die Seilerei sein Betrieb. Das eine oder andere hat Benz seither geändert, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. Denn der Maschinenpark ist alt geblieben.
«Der lässt sich prima in Schuss halten», sagt Benz . «Keine Elektronik, alles Mechanik.» Dazu gehört viel Eigenbau, denn Albert Kislig hatte die klassischen Maschinen oft individuell angepasst. Braucht Benz heute eine neue Ausstattung, sucht er Occasionen.
Neu-alte Flechtmaschine
Unter seiner Regie hinzugekommen ist die Flechterei mit Bandflechtmaschinen und Rundflechtern. Damit ummantelt er zum Beispiel Kabel, sodass langweilige Verlängerungskabel richtig ansehnlich werden. Die Rundflechtmaschine fügt sich ins Gesamtbild der Werkstatt ein, ist sie doch von 1913. Benz rüstete übrigens das Freilichtmuseum Ballenberg mit Seilen aus und gibt dort Seilerkurse. Selbst im Museum sind die Maschinen neuer als in der noch aktiven Seilerei in Winterthur.
Doch egal, wie alt die Maschine ist, die Technik funktioniert heute wie damals mit Fadenwächtern, welche die Maschinen automatisch anhalten, sobald eine der Spulen leer ist. Das vermeidet Fehlproduktionen und mühsames Korrigieren. Einfach neu einfädeln genügt.
Erfahrung ist wichtig
Was bei Martin Benz so lässig aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis langjähriger Erfahrung. Diese braucht man zum Beispiel, um zu wissen, wie fest oder locker man die Leithölzer beim Drehen der Seile führt. Oder wie man die Fadenspannung reguliert. Diese spielt für die Endqualität eine wichtige Rolle. Um die Fadenspannung richtig zu steuern, behält Benz die Luftfeuchtigkeit in der Halle im Auge. An sehr feuchten Tagen dreht er ein Seil sehr viel steifer als an trockenen.
«Das Gespür dafür muss man erlernen», sagt Benz. «Das ist typisch für echtes Handwerk. So etwas steht nicht gebrauchsfertig im Lehrbuch.» Die kleine Seilerei hat derzeit einen Lehrling. Offiziell ausgebildet wird dieser als Textiltechnologe, denn der Beruf «Seiler» wurde vor rund zehn Jahren abgeschafft.
Martin Benz ist jemand, der vorwärts schaut: «Es klingt natürlich alles ein bisschen antiquiert, aber ich bin die einzige Seilerei mit Onlineshop», sagt er schmunzelnd. «Übers Internet finden viele Interessenten ihre Produkte.» Zudem verkauft Benz seine Seile im eigenen Laden und an kleinen Märkten. Nun möchte er expandieren. Dafür sucht er Läden, die Produkte von ihm verkaufen. Zum Beispiel sein Eigendesign, die Seilgarderobe. Martin Benz hat auch schon Ideen für Neues.
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