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Fussballstar-Coiffeur im Interview«Bislang sind noch zu viele Spieler mit zu vielen Frisuren auf dem Platz»

Ahmed Alsanawi frisiert Fussballgrössen wie Jude Bellingham oder Kylian Mbappé. Ein Gespräch über die Bedeutung von Frisuren auf dem Platz.

Nach ihm wurde ein Haarschnitt benannt: Phil Foden.
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Als Ahmed Alsanawi mit neun Jahren während des Golfkriegs aus dem Irak nach London zog, konnte er kein Wort Englisch. Heute stehen Weltstars Schlange, um sich bei ihm die Haare schneiden zu lassen. Auch an der Euro 2024 ist er sehr gefragt. Im Interview erklärt er, wieso Frisuren für Fussballer so wichtig sind.

Herr Alsanawi, Jude Bellingham oder Kylian Mbappé legen sich bei Ihnen unter den Rasierer. Wie wird man Stammcoiffeur so vieler Fussballstars?

Das fing vor allem mit dem FC Chelsea an, unser Salon war in der Nähe des Trainingsgeländes. Ein paar der U-21-Spieler kamen zu uns, der Name sprach sich rum, und dann wurde ich regelmässig ein- oder zweimal die Woche einbestellt, um Haare zu schneiden. John Terry, Eden Hazard, Ashley Cole, diese Generation.

Der Club beschäftigte ernsthaft einen eigenen Coiffeur?

Ich war damals, glaube ich, einer der Ersten, die quasi mit zum Team gehörten. Ich habe mit der Mannschaft gegessen, beim Training zugeguckt, das war eine grossartige Erfahrung. Für den Verein ist das ja tatsächlich praktisch. Die meisten Spieler haben so viele Termine, da ist es am einfachsten, wenn sich jemand vor Ort um ihre Haare kümmert. Danach kamen auch Spieler von Manchester United und Man City zu mir. Frisuren sprechen sich schnell rum, durch Social Media jetzt noch mehr.

«Haare sind Teil der persönlichen Ausstattung, die Krone auf dem Kopf»: Ahmed Alsanawi bei der Arbeit.

Ihr Salon ist in Chessington, Surrey, ausserhalb von London. Und da kommen dann alle hin? Oder machen Sie nur noch Hausbesuche? Kylian Mbappé etwa spielte ja bislang in Paris.

Das ist 50:50, würde ich sagen. Manche kommen noch zu uns, zu anderen fahre ich hin, wo sie gerade sind. Mbappé habe ich durch Paul Pogba kennen gelernt, der ein Kunde von mir ist. Das war bei der WM 2018 in Russland, genauso wie Benzema oder Kanté. Man trifft sich.

Was ist das mit Fussballern und ihren Haaren: Warum ist das so wichtig? Wenn alle die gleichen Shirts tragen, muss die Frisur das persönliche Markenzeichen und Unterscheidungsmerkmal sein?

Ich würde eher sagen, Selbstsicherheit macht den Unterschied, und was immer einer Person diese Sicherheit gibt, hilft. Fussballer tragen heute ihre Socken auf eine ganz bestimmte Art, ein besonderes Schuhmodell, so ähnlich ist das auch mit ihren Haaren – sie sind Teil der persönlichen Ausstattung, die Krone auf dem Kopf. Mein Job ist es, dass sie sich gut damit fühlen. Schliesslich schauen ihnen auf dem Feld Millionen Zuschauer zu.

In den Neunzigern war da noch sehr viel mehr Wildwuchs unterwegs. Heute sind alle sehr gestriegelt, vieles davon ist eher abenteuerlich.

Das hat sicher ebenfalls mit Social Media zu tun. Jeder ist heute sehr eigen, wechselnde Frisuren sind Teil der Selbstdarstellung. Für unser Geschäft ist das natürlich super, auf Instagram können wir Barber viel mehr unsere Arbeit zeigen. Durch Fussballstars werden bestimmte Styles sofort zum Trend.

Auf Ihrem Instagram-Account posten Sie häufig Kinder, die in den Salon kommen und einen «Foden» oder «Grealish» wollten, mit den Strähnen von Manchester-City-Spieler Jack Grealish.

Ja, das ist das, was die Kids wollen im Moment. Generell gibt es gerade eine wahnsinnige Obsession mit Haaren bei Jungs und jungen Männern, das ist auf jeden Fall ein Trend.

Gehen wir mal das aktuelle Aufgebot der EM durch. Unter Ihren Kunden sind der Franzose Mbappé und die Engländer Bellingham, Saka, Foden, Rice. Wie nennt man zum Beispiel den Haarschnitt von Foden?

Der «Foden» ist, um ehrlich zu sein, ein «Eden Hazard». Den haben wir schon vor rund zehn Jahren kreiert, und als Phil zum ersten Mal bei mir war, sagte er: «Mach mir den Hazard.»

England v Slovenia: Group C - UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2024 Phil Foden of England in action during the UEFA EURO 2024 group stage match between England and Slovenia at Cologne Stadium on June 25, 2024 in Cologne, Germany. Cologne Cologne Stadium Germany Germany PUBLICATIONxNOTxINxUK Copyright: xRichardxSellers/Sportsphoto/APLx 14042892

Okay, also was ist der «Hazard»?

Wir nennen das «Skin Fade.» Ein sehr kurzer, scharfkantiger Look, bei Phil ausserdem mit wechselnden Mustern an den Seiten. Fürs erste Spiel wollte er nur zwei feine Striche hinten. Er geht das Turnier langsam an, die verrückten Sachen heben wir uns für später auf.

«Taper Fade»: Jude Bellingham.

Die Frisur von Bellingham?

Das nenne ich «Taper Fade» oder «Temp Fade». Sehr kurz um die Ohren und am Nacken, etwas mehr Deckhaar.

Mbappé: Ist das überhaupt ein Haarschnitt? Oder einfach nur kurz?

Also für mich ist das schon noch ein Skin Fade, aber oben sehr kurz, deshalb sieht man die Übergänge kaum noch.

Haben Sie bei den anderen Spielern schon irgendetwas Interessantes gesehen? Dieses spitz zulaufende Nackenhaar wie ein Warndreieck bei Spielern wie dem Spanier Ferran Torres …

… ein «V-Cut».

BAU// 23.06.2024 Frankfurt Fußball EM 2024 Schweiz vs. Deutschland, Florian Wirtz GER enttäuscht *** BAU 23 06 2024 Frankfurt Football EM 2024 Switzerland vs Germany, Florian Wirtz GER disappointed

Oder dieser angedeutete Vokuhila mit ausrasierten Seiten von Florian Wirtz zum Beispiel?

Ein paar gute Schnitte sind schon dabei, und ich bin mir sicher, es werden jetzt Coiffeure von überall her nach Deutschland eingeflogen, damit das auch so bleibt. Aber so etwas wie einen EM-Schnitt 2024 gibt es nicht, jedenfalls noch nicht. Erst wenn jemand in den Final kommt, etwas Besonderes trägt und damit gewinnt, so wie Ronaldo damals bei der WM 2002 – dann ist das der Look des Turniers, der Schnitt, auf den alle schauen. Bislang sind noch zu viele Spieler mit zu vielen Frisuren auf dem Platz.

Was sagen Sie zum deutschen Spieler Toni Kroos? Eine Seite etwas höher, reingefräster Scheitel – wie nennt man das?

Keine Ahnung. Das ist eigentlich nur irgendein Haarschnitt. Allerdings kein besonders guter, um ehrlich zu sein. Aber offensichtlich gefällt es ihm.

«Kein besonders guter Schnitt»: Toni Kroos.

Wie läuft das jetzt während des Turniers: Stehen Sie auf Abruf oder haben Sie schon feste Termine fürs Nachschneiden zwischen Vorrunde und Viertelfinal?

Ich stehe auf Stand-by. Wahrscheinlich komme ich schon dieses Wochenende nach Deutschland, sonst Anfang der Woche. Kommt darauf an, welches Team mich zuerst braucht, ob England, Belgien oder Frankreich. Diesmal sind es ja nur zwei Stunden Entfernung. Beim letzten Mal war ich mit den Engländern und Franzosen in Budapest, da dauerte der Weg jedes Mal fast vier Stunden. Aber viel reisen gehört mittlerweile zum Job.

Neulich waren Sie kurz mal in Abu Dhabi, wen haben Sie dort versorgt?

Das war für den Formel-1-Film mit Brad Pitt und Damson Idris. Letztes Jahr hat mich ein Prinz sogar nach Kenia eingeflogen, damit ich ihm die Haare schneide. Verrückt. Aber natürlich sehr schmeichelhaft für mich.

Richtig, dass Sie mittlerweile sogar ein angeschlossenes Tattoostudio im Salon haben? Für das 2-in-1-Paket?

Ja, klar, das geht ja Hand in Hand. Und nebenan noch ein Café, denn Kaffee trinken die Kunden ja auch. Vor zwei Jahren habe ich zusammen mit Eden Hazard ausserdem eine Pflegelinie herausgebracht, «Fini by A-Star» mit orientalischem Oud-Duft. Damit braucht man nicht einmal mehr Parfüm.

«Messi würde ich gern mal schneiden, einfach, weil sein Haarschnitt nicht gut ist.»

Sie sind in Bagdad geboren. Wie kam Ihre Familie nach England?

Das war kurz vor dem Zweiten Golfkrieg, da war ich neun. Meine Eltern wollten ein besseres Leben, und Gott sei Dank hat es funktioniert. Mittlerweile sind wir ein richtiges Familienunternehmen, meine Frau kümmert sich um den Papierkram, mein Bruder leitet das Tattoostudio.

Wen haben Sie noch nie unter dem Rasierer gehabt, würden es aber gern mal?

Cristiano Ronaldo, klar. Weil er ist, wer er ist. Der Zweite wäre Messi, einfach, weil sein Haarschnitt nicht gut ist. Ich mag den Übergang nicht. Das ginge viel besser.

Worüber redet man, wenn Rice oder Mbappé auf dem Stuhl sitzen? Fussball? Transfermarkt?

Über alles Mögliche, wie mit allen anderen Kunden auch. Auf dem Stuhl sind Fussballstars ganz normale Menschen.

Foden sieht man immer mit dem Handy in der Hand.

Auch da sind sie wie alle anderen, sie kriegen einfach die Haare geschnitten, keine grosse Sache. Manche relaxen, scrollen am Handy, andere reden viel.

Angenommen, England kommt in den Final: Was machen Sie dann mit den Haaren von Bellingham oder Foden?

Welches «meiner» Teams auch immer in den Final kommt, ob Belgien, Frankreich oder England – ich würde gern etwas in den Landesfarben machen. Im Fall von England also etwa weiss bleichen und dann mit ein bisschen Rot mischen, das kommt sicher gut.