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«Unsere Gegner von damals sahen uns als Drachen»

Im Garten von Doris Gisler Truog steht eine Statue in Drachenform – sie erinnert daran, wie Frauenrechtlerinnen von ihren Gegnern 1971 wahrgenommen wurden.
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Doris Gisler Truog, bekannt als die Grand Dame der Schweizer Werbung, hat eine beeindruckende Ausstrahlung. Der Blick fällt als Erstes auf ihre feuerroten Haare. Ihr Alter sieht man der 89-Jährigen nicht an. Ihr Auftreten ist energisch, ihr Lachen herzlich.

Seit 1989 wohnt sie mit ihrem zweiten Ehemann Arnold Truog Gisler in Meilen. Sie hat die Schweizer Gesellschaft in vielerlei Hinsicht mitgeprägt. Nichtzuletzt mit der erfolgreichen Werbekampagne für das Frauenstimmrecht 1971. «Unsere Gegner sahen uns damals als Drachen», sagt sie schmunzelnd und deutet auf die metallene Drachenstatue in ihrem Garten.

«Gefühlsmässiger Wandel»

Die Fronten zwischen den Gegnern und Befürwortern seien damals verhärtet gewesen, erinnert sich Gisler Truog. «Die Kampa­gne zur verlorenen Abstimmung von 1966 gefiel mir gar nicht», sagt sie. «Ich wollte die Männer liebevoll, aber mit harten Fakten ansprechen.» Unterstützung fand sie in ihrem Umfeld. Neben ihrem ersten Ehemann Kaspar Gisler hat der ehemalige Stadtpräsident Emil Landolt sie dazu ermuntert, eine neue Kampagne zu gestalten.

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Zum Auftakt der Debatte im Nationalrat über die Unterzeichnung der europäischen Menschenrechts-Konvention demonstrieren am 12. Juni 1969 Frauenrechtlerinnen in der Eingangshalle des Bundeshauses mit Transparenten und Flugblättern für die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz.
Doris Gisler Truog setzte mit ihrer politischen Werbung nicht auf rationale Argumente, sondern zielte direkt in die Herzen der Männer.
Befürworterinnen des Frauenstimmrechts posieren im Vorfeld der nationalen Abstimmung vom 7. Februar 1971 zum Frauenstimmrecht auf Bundesebene mit Ja-Plakaten in Zürich.

Auf dem Tisch liegen Bilder der damaligen Werbeplakate. «Den Frauen zuliebe – ein männliches Ja» lautet der Slogan. Aus einem Blumenstrauss geht eine herzförmige Sprechblase hervor. Gisler Truog machte sich die Argumente der Gegner zunutze – etwa dass die Männer für ihre Frauen Stellung beziehen konnten. «Dabei ging vergessen, dass 40 Prozent der weiblichen Bevölkerung alleinstehend waren.»

Die Strategie ging auf. «Entscheidend war, dass wir die Gegner nicht gereizt haben», sagt die Werberin. «Die Zunahme von Ja-Stimmen gegenüber 1966 war nicht stark, dafür hat aber die Anzahl der Nein-Stimmen abgenommen.» Politisch habe sich mit der Einführung des Frauenstimmrechts wenig verändert. Der von vielen befürchtete Linksrutsch blieb aus. «Vom Gefühl her hat aber ein riesiger Wandel stattgefunden», sagt Gisler Truog. «Die Frauen haben sich endlich getraut, eine eigene Meinung zu haben.»

Die Mutter des Fondues

Als vollwertige Partnerin in der schweizweit bekannten Werbeagentur Gisler & Gisler konnte sie sich bereits in den 50er-Jahren in der Männerdomäne einen Namen machen. «Der Doppelname war damals der Knüller», erinnert sich die Meilemerin. «Unsere Kunden kamen sich fortschrittlich vor – davon konnten wir profitieren.»

Den ersten grossen Fisch hat sie denn auch mit der Schweizerischen Käseunion selbst an Land gezogen. «Fondue war zu der Zeit in der Deutschschweiz noch nicht verbreitet», sagt sie. «Mit dem Werbespruch Figugegl – Fondue isch guet und git e gueti Luune – haben wir das geändert.»

«Ich habe die gläserne Decke weder erlebt noch beobachtet.»

Doris Gisler Truog, Werberin

In der Firma war Gisler Truog zwar während vieler Jahre die Chefin und ihrem Mann gleichgestellt, politisch hatten aber sogar ihre Lehrlinge mehr Mitspracherechte. In Erinnerung geblieben ist ihr ein Erlebnis aus den 60er-Jahren. «Mein Mann hatte sich das Bein gebrochen und ich fuhr ihn deshalb am Abstimmungssonntag zum Gemeindehaus in Herrliberg», erzählt sie. «Als ich draussen wartete, kam ein Mann vorbei und fragte mich: Fräulein, warten Sie auf das Frauenstimmrecht?»

Nicht Hausfrau werden

Gewartet hat Gisler Truog nicht. «Es ist an uns Frauen, für die Gleichstellung zu kämpfen», ist sie heute noch überzeugt. In ihrer Kindheit sei sie stets von starken weiblichen Vorbildern umgeben gewesen. «Meine Mutter hat mich in den 30er-Jahren nach einer Scheidung alleine gross­gezogen.» Trotz des fehlenden Stimmrechts habe sich ihre Mutter nichts gefallen lassen. «Ich hatte nie das Gefühl, benachteiligt zu sein», sagt die Meilemerin und fügt hinzu: «Ich bin aber auch keine Person, die sich in der Opferrolle sieht.»

«Ein Mann fragte mich: Fräulein, warten Sie auf das Frauenstimmrecht?»

Doris Gisler Truog, Werberin

Auch zu ihrem Vater hatte sie ein gutes Verhältnis. Ihren Eltern sei eine gute Ausbildung wichtig gewesen: «Meine Mutter liess mich nie im Haushalt helfen. Sie wollte auf keinen Fall, dass ich in die Rolle einer Hausfrau schlüpfe.» Nach einer kaufmännischen Ausbildung hat sie ihren Traum vom Journalismus verwirklicht und unter anderem für die «Elle» und den «Tages-Anzeiger» geschrieben.

Keine gläserne Decke

Gisler Truog hat selbst zwei Töchter aus erster Ehe. Wie hat sie es in den 60er-Jahren geschafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? «Ich hatte ein Kindermädchen und meine Mutter ist in Notfällen eingesprungen», sagt sie. «Mein Mann hat sich aber auch sehr stark beteiligt.» Nach dem Unfalltod von Kaspar Gisler 1971 wurde Gisler Truog alleinige Gesellschafterin der Werbeagentur. «Er wollte immer, dass ich die Firma weiterführe», sagt sie.

Auf den Film «Die göttliche Ordnung» angesprochen, sagt Gisler Truog: «Der Kampf für das Frauenstimmrecht berührt mich nicht mehr emotional.» Das Thema sei für sie abgeschlossen, weil sie spüre, wie selbstverständlich gleiche politische Rechte für die junge Generation von Frauen seien. Den Film wird sie sich trotzdem ansehen – gemeinsam mit ihrer 24-jährigen Enkelin. «Ich finde es sehr schön, dass sich die Jungen mit dem Thema auseinandersetzen.»

Den Frauentag empfindet sie als Beweis, dass Gleichberechtigung in anderen Bereichen immer noch nicht selbstverständlich ist. «Vor allem in der Lohnfrage besteht Handlungsbedarf.» Von einer gläsernen Decke will die 89-Jährige dennoch nichts wissen. «Ich habe sie weder erlebt noch beobachtet», sagt sie. «Auch von den Männern schaffen es nur wenige an die Spitze. Eine Quotenfrau hätte ich nie sein wollen.»