Joël Dicker mit neuem Roman«Ein ungezähmtes Tier» – dunkle Geheimnisse im Genfer Nobel-Vorort
Wie man Spannung aufbaut, hat Joël Dicker verinnerlicht wie kein anderer Schweizer Autor. Dem ordnet er alles unter. Auch die Glaubwürdigkeit.

Arpad und Sophie Braun und ihre beiden Kinder wohnen in einer schicken Villa am Rand der Genfer Gemeinde Cologny. Sie ist Anwältin, er Banker. Die beiden stehen im Mittelpunkt von Joël Dickers neuem Roman «Ein ungezähmtes Tier». Ihnen gegenübergestellt wird ein anderes Paar – ebenfalls mit zwei Kindern: Greg und Karine. Er ist bei einer Sondereinheit der Genfer Polizei, sie Verkäuferin. Die beiden Männer kennen sich, weil ihre Söhne im gleichen Verein Fussball spielen.
Es gibt aber noch eine andere Überschneidung: Greg ist von Sophie besessen. Er beobachtet sie heimlich von seinem Versteck im nahen Wald aus. Ist Greg also der «Böse» in diesem Roman?
Könnte man meinen. Doch bei Joël Dicker ist selten etwas so, wie man meint. Sein Markenzeichen sind überraschende Wendungen und ein spezieller Erzählstil: Er liefert in Rückblenden wichtige Elemente der Vorgeschichte nach.
Bei Arpad und Sophie ist es genau so. Arpad, das wird bald schon klar, hat aus irgendeinem Grund vor ein paar Jahren St. Tropez fluchtartig verlassen müssen. In Genf taucht jetzt jemand auf, der mehr über diese Flucht weiss – und Arpad in einen Raubüberfall verwickeln will. Damit nicht genug. Sophie ist nicht nur bildschön, sie hat sich am Oberschenkel einen Panther tätowieren lassen. Mit gutem Grund.
Wer ist das titelgebende Tier?
Die 428 Seiten lesen sich zügig. Dicker hat seit «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» den perfekten Aufbau einer Geschichte verinnerlicht. Zudem bedient er sich eines einfachen Tricks: Er streut Kapitelanfänge ein, bei denen wenig Text eine ganze Seite füllt. So kommt man beim Lesen rasch vorwärts, blättert schnell. Und je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto grösser die Spannung. Der Kulminationspunkt ist der Tag des Überfalls am 2. Juli 2022. Und im Titel des Romans versteckt sich die entscheidende Frage: Wer ist in dieser Geschichte das «ungezähmte Tier»?

Das Buch ist packend geschrieben. Um diese Spannung zu erzeugen, gibt es keine Pausen, keine Beschreibungen, nichts Unnötiges. Doch wie bei fast allen Romanen von Joël Dicker gibt es zwei Mängel: Die Hauptfiguren lügen fast ausnahmslos oder haben eine hohe kriminelle Energie – manchmal beides. Das Ganze ist so verdichtet, da leidet die Glaubwürdigkeit. Ausgerechnet der Einsatzleiter einer Sondereinheit stalkt Sophie, deren Mann drauf und dran ist, einen Überfall zu machen.
Joël Dicker, «Ein ungezähmtes Tier», Piper-Verlag München 2025, 432 Seiten; erscheint am 27. Februar
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